Man kann noch so viel Wertschätzung einfordern; am Ende ist entscheidend, wie betriebswirtschaftlicher Erfolg bemessen und errechnet wird. Solange das Anreizsystem von der maximalen Externalisierung ökologischer und sozialer Risiken, Schäden und Verluste ausgeht, wird sich selbst durch höhere Preise nicht viel ändern. Im Gegenteil, die Ausnutzung wird sich eher noch beschleunigen. Die Anpassung der Erfolgsrechnung, sprich der betrieblichen Buchhaltung und Bilanzierung an die Erfordernisse der Zeit, ist die einzige Möglichkeit für eine Befriedung der Situation.


Gastartikel der Regionalwert AG Freiburg


Die Landwirtschaft steht mehr denn je im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und der betriebswirtschaftlichen Realsituation. In letzter Zeit hat sich zwischen den Positionen eine gesellschaftspolitische Kontroverse von enormem Ausmaß aufgebaut. Es wird in diesem Zusammenhang viel von „Wertschätzung“ gegenüber den Lebensmitteln und der Arbeit der Landwirtinnen und Landwirte gesprochen. Wir finden, das ist ein durchaus richtiger Ansatz – doch wie kann „Wertschätzung“ in der Praxis bewerkstelligt werden, wenn der betrieblichen Erfolgsrechnung die dafür erforderliche Sensibilität fehlt?


„Die Lebenswirklichkeit widerlegt die Annahme, dass ökologische und soziale Leistungsfaktoren nichts mit Wirtschaft nichts zu tun hätten.“ Christian Hiß, ökologischer Landwirt, Gründer und Vorstand Regionalwert AG



Mehr Wertschätzung durch neues (Ein-)schätzen von geschaffenen Werten

„Wertschätzung“ ist ein doppeldeutiger Begriff. Neben der herkömmlichen Definition als „Anerkennung“ oder „Beachtung“ kann man den Ausdruck auch wörtlich nehmen: einen Wert (ein-)schätzen. Für beide Auslegungen des Wortes braucht es in Bezug auf die Landwirtschaft andere Methoden und Werkzeuge als die vorhandenen, um den Wert der Landwirtschaft schätzen zu können. Hierzu forschen wir von der Regionalwert AG Freiburg seit einigen Jahren und haben Methoden ausgearbeitet, wie die Leistungen der Landwirtschaft besser erfasst und gezeigt werden können.


Konzentrieren wir uns zunächst auf den Wert im Sinne einer Zahl oder eines Ergebnisses. Jeder landwirtschaftliche Betrieb führt Buchhaltung über seine Arbeit. Darin sind Aufwände und Erträge enthalten. Mit Sicherheit werden in der bisherigen Buchhaltung alle Aufwände erfasst, doch werden auch alle Erträge angemessen erfasst und bewertet?



Sozial-ökologische Leistungen sind nicht nur Aufwände, sondern auch Erträge

Die Landwirtschaft erbringt Leistungen, auf die das nicht zutrifft. In erster Linie handelt es sich dabei um die sozial-ökologischen Leistungen. Betrachtet man den landwirtschaftlichen Betrieb in seinem Wesen, ist es geradezu offensichtlich, dass der Erhalt von Biodiversität, die Ausbildung von (meist jungen) Menschen zu Fachkräften, die Verwendung und Zucht von samenfesten Sorten oder der Aufbau von Bodenfruchtbarkeit als Betriebsvermögen zu gelten haben. An diesen und vielen weiteren Punkten ist die herkömmliche Buchhaltung blind. Wenn die Landwirtschaft also nachhaltig wirtschaften soll, wie vonseiten der Gesellschaft – zu Recht – immer lauter gefordert wird, muss es den Betrieben möglich sein, ihre Aufwände und Leistungen zu nachhaltigem Wirtschaften als Erträge in der Buchhaltung zu verbuchen.



Bei der Regionalwert AG Freiburg arbeiten wir seit Langem an diesen Themen und haben mit der Regionalwert Nachhaltigkeitsanalyse für den landwirtschaftlichen Betrieb ein erstes Instrument geschaffen, um die angesprochenen Leistungen endlich sichtbar zu machen. In unserem Forschungsprojekt „Richtig Rechnen in der Landwirtschaft“ untersuchten wir mit vier landwirtschaftlichen Betrieben (ökologische und konventionelle) für ein Wirtschaftsjahr über 100 Leistungskennzahlen. Diesen haben wir einen monetären Wert zugewiesen und damit eine Vorlage für eine andere Art der Buchhaltung geschaffen.


Gäbe es diese Form der Buchhaltung, kämen wir auch bei der ersten Bedeutung von „Wertschätzung“ einen entscheidenden Schritt weiter: Landwirtschaftliche Betriebe leisten auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit vieles, was sie bisher nicht zeigen können. Mit einer neuen Art der Bewertung könnten Betriebe objektiv ausweisen, wie viel sie zu einer nachhaltigen Landwirtschaft beitragen und somit den Konsumentinnen und Konsumenten klar aufzeigen, dass Nachhaltigkeit nicht eine leere Worthülse ist, sondern welche konkreten Leistungen der alltäglichen Arbeit sich dahinter verbergen. Das Verständnis – und eben die Wertschätzung – seitens der Gesellschaft wäre eine andere.


Siehe auch: Nachhaltigkeit und Resilienz sind Wertfaktoren der Zukunft


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