Viele sind dem Aufruf nach landwirtschaftlichen Helfern in diesen Tagen gefolgt. Viele von ihnen packen zum ersten Mal auf den Feldern mit an. Ein Rentnerpaar aus Erfurt erinnert sich, wie das “Kartoffelstoppeln” für sie als Studenten in der DDR fest mit dazu gehörte.


Die Arbeit auf dem Acker war für viele Studenten in der ehemaligen DDR ganz selbstverständlich. Rentner Gerald Wucholt aus Erfurt verfolgt den Aufruf nach Erntehelfern aufmerksam. Während seines Informatikstudium ging es für ihn und seine Freunde regelmäßig aufs Feld: „Für uns war es damals ganz selbstverständlich, in den Semesterferien bei der Ernte mitzuhelfen. Gemeinsam mit einer Gruppe Studienkollegen haben wir bei der Kartoffelernte mit angepackt.”



Kartoffelstoppeln als festes Ritual

Mitte der 1970er Jahre war die Kartoffelnachlese, das sogenannte „Kartoffelstoppeln“ zu Semesterbeginn Anfang September fast schon ein festes Ritual. An ein bis zwei Wochenenden ging es zum “Kartoffeleinsatz”. Die damaligen LPG, die Landwirtschaftliche Produktions Genossenschaften, waren Gemeineigentum.


“Die Teilnahme war offiziell freiwillig, gefühlt aber verpflichtend. Wir sind einfach dorthin gegangen, wo die Einsatzleitung uns hinschickte“, erinnert sich Gerald Wucholt. “Wir haben das Beste daraus gemacht und abends im Studentenclub „Erntefest“ gefeiert. Als Informatikstudent in einer großen Stadt in Sachsen fühlte man sich nach der Arbeit auf dem Feld wortwörtlich „geerdet“. Es war eine bleibende Erfahrung, etwas mit den eigenen Händen zu ernten, von dem man auch leben kann.”


Bezahlung spielte eine untergeordnete Rolle

Ernteeinsätze gehörten zum studentischen Leben wie zu vielen anderen Lebensbereichen. Es wurde als notwendig und sinnvoll akzeptiert. Für die Einsätze gab es meist kein Geld, manchmal wurden kleine Prämien ausgereicht und die Verpflegung war gesichert. Bei der Erdbeerernte gab es zudem Erdbeeren satt.



Auch Dolores Wucholt hat ihre Erfahrungen früh gemacht: “Ernte- und Arbeitseinsätze auf dem Feld waren während der Schulzeit eine gute Möglichkeit sich etwas Taschengeld zu verdienen. Da ging es dann auch um die Zwiebel-, Rüben- und sonstige Feldfrucht-Ernte.” Fürs Hacken und Unkrautjäten gab es einen Stundenlohn von ungefähr 1,50 DDR Mark. Das monatliche Taschengeld lag zu dieser Zeit bei 10 DDR Mark. “Während meines Außenhandel Studiums waren zweiwöchige Ernteeinsätze die Regel – natürlich ohne Bezahlung! Die längerfristigen Einsätze waren dann auch Pflicht und Voraussetzung für einen erfolgreichen Studienabschluss.”


Bezug zur Landwirtschaft – eine Generationenfrage

“Ganz anders haben das noch meine Eltern und Großeltern erlebt”, berichtet Gerald Wucholt. “Aus den Erzählungen meiner Eltern weiß ich, dass meine Großmutter ihr weniges Hab und Gut – sie war in Berlin ausgebombt worden – beim Bauern gegen Essbares getauscht hat. Als fünfköpfige Familie waren wir froh, Verwandtschaft „auf dem Land“ gehabt zu haben. So gab es hin und wieder zusätzlich mal leckere Schlachtesuppe oder selbstgemachte Wurst. Auch hier durfte ich eigene Erfahrungen sammeln: Das Schnitzel am Abend stammte vom Schwein, das am Morgen geschlachtet wurde und das wir tagsüber gemeinsam verarbeitet haben. Den Respekt vor der Arbeit der Menschen in der Landwirtschaft habe ich mir bis heute bewahrt. Auch deswegen haben wir das väterliche Erbe, ein paar kleine Ackerflächen im Umland, gern in die Bearbeitung durch eine regionale Agrar Genossenschaft gegeben.”



Chance in der Krise

„Wer einmal bei der Ernte mitgemacht hat, lernt den Wert einer Kartoffel oder einer Erdbeere ganz neu zu schätzen.“ Beide sind froh, diese Erfahrung in ihrer Jugend gemacht zu haben. “Wir sehen die aktuelle Entwicklung auch als Chance, dass die jüngere Generation wieder mehr Bezug zur Landwirtschaft bekommt und etwas unbeschreiblich Schönes erleben darf. Nicht jeder wird gern auf dem Feld arbeiten wollen – schaden tut es aber auf keinen Fall!”



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